Darm ohne Scham

Oberarzt Joachim Christ hat sich beim "Vortrag für Jedermann" einem vermeintlichen Tabuthema gewidmet
Oberarzt Joachim Christ
Oberarzt Joachim Christ (Foto KJF/Ulli Hamm)
7. März 2019

Fast jeder hatte es schon einmal, manche sogar öfter. Viele können ein Lied davon singen, welche körperlichen Beschwerden dieses Leiden hervorruft – und wie das seelische Wohlbefinden davon betroffen ist. Aber kaum jemand spricht darüber – denn man glaubt, es wäre zu peinlich. Die Rede ist von Verstopfung oder "Obstipation". Die medizinische Fachbezeichnung klingt nicht nur abstrakter; sie verleiht den Beschwerden auch einen offiziellen, wissenschaftlichen Anstrich. Denn bei kaum einem Leiden scheiden sich so die Geister: Ist es "noch normal", was man spürt oder vermisst? Ist man nur zimperlich? Oder ist "es" schon eine Krankheit, die behandlungsbedürftig ist?

Rund 17 Prozent der Bevölkerung leiden unter Verstopfung

Joachim Christ, der Referent des Abends, ist Leitender Oberarzt in der Hauptfachabteilung der Inneren Medizin mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie, Hepatologie, Diabetologie mit Ernährungsmedizin und Palliativmedizin an der KJF Klinik Sankt Elisabeth. Im Rahmen der "Vorträge für Jedermann", die ihr Freundeskreis jährlich organisiert, stellt der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, der außerdem Ernährungsmediziner ist, von Anfang an klar: "Wir widmen uns mit der Verstopfung einem Thema, das zutiefst menschlich ist. Sich Klarheit darüber zu verschaffen, wieso manche Beschwerden sich so und nicht anders äußern und als Belastung empfunden werden, ist dabei ebenso wichtig wie selbst einschätzen zu können, wann man sich bei diesem Leiden ärztliche Unterstützung holen sollte."

Ärzte und Betroffene definieren den Begriff "Obstipation" ganz unterschiedlich. Die Häufigkeit, wie oft man auf die Toilette gehen muss bzw. kann, ist dabei entscheidend. Unabhängig davon, wie Betroffene die Darmentleerung erleben, spricht man erst von Verstopfung, wenn man weniger als jeden dritten  Tag Stuhlgang hat. "Normal wäre es, mindestens jeden dritten Tag, maximal aber dreimal pro Tag seinen Darm zu entleeren“, fügt der Oberarzt erläuternd hinzu. Von Verstopfung spricht man, wenn man beim Stuhlgang unangenehme Beschwerden hat, die mit Bauchschmerzen oder Blähungen, zu wenig oder zu hartem Stuhl, plötzlichem Stuhldrang, zu viel Press-Arbeit oder dem Gefühl, nur unvollständig entleert zu sein, begleitet sein können. "Das Krankheitsbild der Verstopfung zieht sich quer durch alle Altersgruppen", erklärt Joachim Christ. "Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer." Man schätzt, dass in Europa rund 17 Prozent der Bevölkerung an Verstopfung leiden.

Verstopfung ist nicht gleich Verstopfung

Grundsätzlich müsse man bei der Verstopfung zwischen einer primären und sekundären Obstipation unterscheiden. Souverän und einfühlsam erklärte der Oberarzt die Unterschiede der verschiedenen Krankheitsbilder: Während die primäre Obstipation organische Ursachen hat – wie etwa eine Verengung des Darmausgangs, eine Aussackung oder eine gestörte Koordination zwischen den inneren und äußeren Schließmuskeln – liegen der sekundären Obstipation andere Ursachen zugrunde: "Eine ballaststoffarme Ernährungsweise kann dafür ebenso verantwortlich sein wie Bewegungsmangel oder zu wenig Trinken", stellt Joachim Christ klar. "Aber auch Stoffwechsel- oder Hormonstörungen wie eine Diabetes-Erkrankung oder eine Schilddrüsen-Unterfunktion können Verstopfung bedingen. Außerdem kann die Einnahme bestimmter Medikamente wie mancher Schmerzmittel aus dem Bereich der Opioide oder der Nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) ebenso wie Antidepressiva, Entwässerungs- oder Eisenpräparate zu Verstopfung führen.“ Auch ernstzunehmende Magen-Darm-Erkrankungen wie Dickdarmkrebs, Chronisch-Entzündliche Darmerkrankungen oder ein Mastdarm-Vorfall können eine Obstipation hervorrufen – ebenso wie Parkinson oder eine Depression.

Bei der Obstipation verweilt der Darminhalt zu lange im Verdauungstrakt, die Transitzeit ist verlangsamt. Bei der Verstopfung finden im Rahmen der Verdauung weniger Darmbewegungen statt als normal. So fällt die Intensität dieser Peristaltik, die nach einer Mahlzeit ansteigt, geringer aus. Daraus kann sich die Notwendigkeit ergeben, beim Toilettengang pressen zu müssen. Von einer "chronischen Verstopfung" spricht man, wenn die Leiden seit mehr als drei Monaten andauern.

Es gibt einfache und effektive Gegenmittel

Um schwerwiegendere Erkrankungen auszuschließen und sich bei der Therapie der Obstipation von einem Arzt unterstützen zu lassen, sollte man in der Anamnese beim Hausarzt oder beim Facharzt für Magen-Darm-Erkrankungen zuerst abklären lassen, ob es sich um Verstopfung handelt. "Dabei können je nach Beschwerdelage auch andere Fachärzte wie ein Endokrinologe, ein Psychiater, ein Gynäkologe oder ein Neurologe zu Rate gezogen werden", erklärt der Oberarzt. "Neben der körperlichen Untersuchung und der Stuhl-Anamnese können außerdem weitere Untersuchungen des Magen-Darm-Trakts nötig werden." Diese Anamnese dient vor allem dazu, andere Krankheitsbilder auszuschließen und zu klären, worin die Ursache der Obstipation begründet sein könnte. "Denn erst wenn man weiß, dass man es mit einer Verstopfung zu tun hat, kann man zielgerichtet aktiv werden“, so der Oberarzt. "Neben einer Intensivierung der körperlichen Aktivität, um einem Bewegungsmangel zu begegnen, sind insbesondere Flohsamen ein einfaches aber effektives Mittel zur Stuhlregulation. Abschließend meinte Joachim Christ: "Ich möchte mit dem Mythos aufräumen, dass man seinen Darm durch den Gebrauch von Abführmittel an diese Medikamente gewöhnt. Man wird damit weder abhängig noch steigt dadurch das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Wichtig ist es für die Betroffenen, eine Linderung ihrer Beschwerden zu erhalten und damit wieder mehr Lebensqualität zu erlangen."

 

Freundeskreis der KJF Klinik Sankt Elisabeth Neuburg

Eine Institution wie die KJF Klinik Sankt Elisabeth Neuburg schätzt sich glücklich, Freunde zu haben, auf die man jederzeit zählen kann. Über 530 Mitglieder des Freundeskreises bekennen sich zwischenzeitlich zu dem Haus, das "Fürsorge und Kompetenz von Mensch zu Mensch" für die Ottheinrichstadt und die umliegende Region bietet. Die "guten Verbindungen" zwischen Klinik, Orden, Wirtschaft, Kommunalpolitikern und den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Neuburg zu einem Netzwerk auszubauen, dieses Ansinnen pflegt der engagierte Vorstand um den 1. Vorsitzenden Dr. Werner Hommel und seine Stellvertreterin Roswitha Haß seit Gründung des Freundeskreises im Jahre 2006.

Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e.V. (KJF)

Die KJF Augsburg ist einer der größten Anbieter für Gesundheits-, Sozial- und Bildungsdienstleistungen in Bayern. Seit 1911 bietet das Sozialunternehmen vor allem Kindern, Jugendlichen und Familien mit rund 80 Einrichtungen und Diensten Lösungen für die verschiedensten individuellen Bedürfnisse an: in der Kinder- und Jugendhilfe mit Kindertagesstätten, Stationären Wohnformen oder Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung; in Berufsbildungs- und Jugendhilfezentren, durch Angebote für Beruf und Arbeit sowie Integrationsunternehmen und -dienste; in der Medizin mit mehreren Kliniken; in verschiedenen Schulen. Darüber hinaus bildet die KJF Augsburg kontinuierlich annähernd 500 Fachkräfte für soziale und medizinische Berufe aus.

Als christlicher Verband katholischer Prägung ist für die KJF und ihre rund 5.800 Mitarbeiter jeder Mensch wertvoll, unabhängig von Herkunft, Status, Religion oder Kulturkreis. Vorstandsvorsitzender ist Markus Mayer, Vorsitzender des Aufsichtsrates Domkapitular Armin Zürn.

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